Tagung “Herausforderung des Klimawandels für die Schweiz” vom 29. August 2008 in Grafenort
Globaler Fussabdruck in der Atmosphäre
Die Erwärmung im Klimasystem wird durch die steigende Zahl der Murgänge, Überschwemmungen und den schrumpfenden Gletschern belegt. Die Natur ist unberechenbarer geworden. Welche Massnahmen in der Schweiz aufgrund des Klimawandels getroffen werden müssen, thematisierte die Tagung der Academia Engelberg Ende August.
„Der Klimawandel betrifft nicht nur die Temperatur, aber mit der Temperatur ändert sich jede Grösse in unserem Klimasystem.“ Meinte Professor Thomas Stocker von der Universität Bern. Er ist überzeugt, dass die Änderungen beim Wasser wichtiger sind und viel grössere Auswirkungen haben. Zudem werden die Anpassung zunehmend teurer und schwieriger. Als Beispiel nannte er den Umstand, dass 2008 erstmals sowohl die Nordwest- wie die Nordostpassage in der Antarktis eisfrei und schiffbar sind. Er forderte eine schnellere und konsequentere Umsetzung von Massnahmen. „Was nach Korsett und Einschränkung tönt, bietet grosses Potenzial für wirtschaftliche Entwicklungen und Innovationen, beispielsweise im Bau- und Energiesektor.“
Klimwandel heisst Veränderung
„Die Gewinner der Klimaänderung sind in der nördlichen Hemisphäre, in der südlichen Hemisphäre die Verlierer.“ meinte Prof. Peter Rieder von der ETH, Zürich. „Für die Schweiz bedeutet dies längere Wachstumsperioden in höhe-ren Lagen und zum Teil weniger Krankheitsgefährdungen. Dafür werden die Starkniederschläge zunehmen, die Erosionsgefahr ist grösser und die Land-wirtschaft sieht sich mit neuen Schädlingen konfrontiert.“ führte er weiter aus. Die Zahlen dazu nannte Professor Wolfgang Kinzelbach von der ETH Zürich: „ Die Temperaturerhöhung in der Schweiz liegt bis 2050 bei prognostizierten zwei Grad. Es ist mit mehr Winterniederschlag (+10%) und weniger Sommer-niederschlag (-15%) zu rechnen. Durch die Erwärmung wird es weniger Schnee geben.“ Die positiven Folgen dieser Veränderung sieht er darin, dass der Heizenergiebedarf abnimmt, die Pflanzenproduktion erhöht werden kann und der Freizeitbereich im Sommer davon profitieren wird. Einen „positiven“ Effekt des Klimawandels zeigte Peter Lienert, Kantonsoberförster des Kan-tons Obwalden auf: „Durch die Stürme Lothar und Vivian sind für die waldwirt-schaftliche Struktur Vorteile entstanden. Die Verjüngung und Innovationen in der Forstwirtschaft wären ohne diese Stürme nicht zu Stande gekommen. Es ist zwar viel Kapital verloren gegangen, aber heute stehen wir besser da. Wichtig ist es nun, die Waldbauziele dem Klimawandel anzupassen, damit der Wald als wichtiger CO2-Lieferant seine Schutzfunktion vor Lawinen und Stein-schlag nicht verliert.“
„Das hundertjährige Ereignis passiert in Zukunft alle 10 Jahre“
Allerdings sind die negativen Folgen des Klimawandels wichtiger und in der Anzahl grösser, meinte Prof. Kinzelbach: „Mehr Unwetter und Überschwemmungen, mehr Trockenheit und erhöhter Wasserbedarf, mehr Kühlbedarf im Sommer. Die Gletscher werden weiter Abschmelzen was sich negativ auf die Schönheit der Schweizer Landschaft auswirkt. Durch den Schneemangel in Wintersportgebieten unter 1200 m.ü.M. ist der Wintertourismus stark betroffen. Die Zahl der Krankheitserreger wird steigen. Die Menschen werden unter der Hitzebelastung des Herz-Kreislaufsystems, der Zunahme von Luftallergenen und hohen Ozon-Werten leiden. Gemäss Schätzungen des BAFU werden die Klimaschäden ab ca. 2050 rund 1.5% des Bruttoinlandproduktes (BIP), etwa 1.5 Milliarden Franken pro Jahr verursachen. Damit ist die wasserreiche und kühle Schweiz von den Klimafolgen weniger betroffen als viele semi-aride Länder, in denen die Folgen dramatisch sind.“
„Wasser nutzen, Wasser schützen, Schutz vor dem Wasser“
Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. Da gibt es Interessenkonflikte regional und international. Die Wasserwirtschaft ist mit einem Paradigmen-wechsel im Umweltbereich konfrontiert. „Früher ging es darum die Ressource Wasser zu schützen. Das hat sich sukzessive entwickelt in Richtung des Verursacherprinzips (integrale Ressourcenbewirtschaftung). Heute steht die Nachhaltigkeit im Vordergrund (ökologisch, wirtschaftlich, sozial).“ Meinte Ulrich Bundi, ehemaliger Direktor des EAWAG. „Mit der Siedlungsentwick-lung, der steigenden wirtschaftlichen Nutzung, der ideelle Nutzung und dem Klimawandel steigt der Druck auf die Wasserwirtschaft noch stärker an.“ Hier sieht er denn auch die grosse Gefahr: „Wir haben einen Mangel an sektor-übergreifenden Ansätzen und es muss die Frage gestellt werden ob das Sys-tem effizient ist“. Als Vision für die Wasserwirtschaft im Jahr 2030 empfiehlt er die Sicherstellung der Wassernutzung für alle, den Schutz vor Hochwasserge-fahren, die Erhaltung der ökologischen Funktionen der Gewässer und damit auch deren Erholungsfunktion. Dr. Kurt W. Rüegg, ewl Luzern, ist überzeugt, dass die Schweizer Wasserversorgung trotz Klimaveränderung erfüllen kön-nen. „Es braucht lokale Anpassungsstrategien und die Wasserversorgung muss systematisch auf mehrere Bezugsquellen gestellt und vernetzt werden. Wichtig ist uns, dass im Nutzungskonflikt das Trinkwasser Priorität geniesst. In der Landwirtschaft stehen Anpassungen bei den Produkten und der Be-wässerungstechnik im Vordergrund.“
Klimawandel und Tourismus
„Im Tourismus sind die Auswirkungen des Klimawandels zum Beispiel bei den Rückgängen der Gletscher am sichtbarsten. Aber auch die steigenden Ener-giekosten, zum Beispiel bei den Flügen und bei den Seilbahnen werden in Zukunft eine massgebliche Rolle spielen.“ Erläuterte Franz Steinegger, Präsident des Tourismusverband Schweiz. „Die Schweiz ist beim Thema Schneesicherheit durch den Temperaturenanstieg aber noch gut gestellt. Unsere Skigebiete liegen im Gegensatz zu Österreich und Deutschland relativ hoch. Aber wir haben Aufholbedarf gegenüber Österreich in Sachen Diversifizierung, zum Beispiel beim Thema Wellness. Er warnte davor, die Auswirkungen der Klimaänderung zu bagatellisieren meinte aber auch, „Man darf auch nicht jeden Monat den Weltuntergang ausrufen“.
Generalisierung nicht möglich
In der Expertenrunde war man sich einig, dass für die Schweiz mit ihrer ver-schiedenartigen Topographie keine pauschalen Aussagen gemacht werden können. So meinte Dr. Bruno Schädler vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) dass die Auswirkungen der Hochwasser im Alpenraum unterschiedlich zum Mittelland seien. Prof. Kinzelbach wies drauf hin, dass die Intensivierung der Naturgefahren durch Überschwemmungen und Hanginstabilitäten letztendlich nur durch Anpassung der Siedlungsstruktur begegnet werden könne. Eine weitere Problematik zeigte Dr. Walter Hauenstein vom Schweizerischen Was-serwirtschaftsverband auf: „Ein verstärkter Einbezug der Wasserkraft für den Klimaschutz wäre wünschbar, stösst jedoch an Grenzen bezüglich Ausbaupo-tential und wird behindert durch ökologischen Interessenkonflikt.“ Einig war man sich, dass trotz Föderalismus kantonsübergreifende Massnahmen not-wendig sind. Prof. Jakob Nüesch, Stiftungsrat der Academia Engelberg, for-mulierte zum Schluss den Wunsch an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft: „Es ist wichtig, den Gedanken der Nachhaltigkeit in uns zu tragen und für die zukünftige Generationen heute zu handeln. Das bedingt allerdings bei uns allen einen dringend notwendigen Wertewandel.“
Bilder und Unterlagen zur Tagung finden Sie hier.