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Student reporter Matthias Jenny wird als einer von fünf Mitgliedern der Schweizerischen Studienstiftung am 8th Dialogue on Science der Stiftung Academia Engelberg teilnehmen. Er wird eine Replik auf das Referat von Peter Meyer von der Universität Augsburg vorbereiten. In diesem Forum berichtet er frei und aus seiner Optik über die Vorbereitungen und die Tagung selbst. Feedbacks und Kommentare zu den Beiträgen von Matthias Jenny senden Sie bitte an matthiasjenny (at) gmx.net sie werden umgehend veröffentlicht Zürich, 1. November 2009 Gut zwei Wochen nach dem Ende der diesjährigen Konferenz gestatte ich mir noch einen abschliessenden Rückblick. Hier unter „Stimmen der Teilnehmer“ kann man ab 3:38 Minuten einige spontane Gedanken von mir zur Konferenz hören. Was mir – abgesehen von den vielen tollen Begegnungen – am besten in Erinnerung bleibt, benenne ich auch schon in diesem Video: die multidisziplinäre Struktur der Konferenz. Während an den meisten Konferenzen, an denen ich bis jetzt teilgenommen habe, das Konferenzthema meist aus ähnlichen Blickwinkeln beleuchtet wurde, kamen an der Konferenz der Academia Engelberg Personen aus gänzlich verschiedenen Disziplinen und Berufsfeldern zu Wort.
Ich verwende dabei bewusst den Begriff „multidisziplinär“ anstatt „interdisziplinär“, welches bei mir eher negative Konnotationen weckt. Die nach wie vor hoch gehandelte Interdisziplinarität führt nach meinen Erfahrungen nämlich zu wenigen produktiven Resultaten. Wenn Experten von sehr unterschiedlichen Gebieten zusammenspannen wollen und gemeinsam ein Problem zu behandeln versuchen, stossen sie meist sehr früh auf eine Kommunikationsbarriere, die eine symbiotische Zusammenarbeit verhindert. Der Interdisziplinarität wird manchmal die Transdisziplinarität entgegengesetzt. Transdisziplinär wird dort gearbeitet, wo verschiedene Wissenschaftler in allen Gebieten, die ihr Vorhaben tangieren, bewandert sind. Der Universitäre Forschungsschwerpunkt der Universität Zürich zum Thema „Foundations of Human Social Behavior“ verfolgt beispielsweise vorsichtig einen transdisziplinären Ansatz. Wenn hier Neurowissenschaftler an Ökonomen herantreten und umgekehrt, besuchen die jeweiligen Wissenschaftler während ihrer Anstellung wie normale Studierende Vorlesungen in den Disziplinen, bei denen sie theoretischen und methodologischen Nachholbedarf haben bei der Durchführung von neuroökonomischen Studien. Ohne hier die Ergebnisse des besagten Forschungsschwerpunktes kommentieren zu wollen, sind somit zumindest die institutionellen Bedingungen geschaffen für fächerübergreifende und Fachgrenzen verwischende Forschung. Natürlich werden Wissenschaftler aber nicht als transdisziplinär bewandert geboren und die heutige fragmentierte Wissenschaftswelt erlaubt es nur selten, sich während des regulären Universitätsstudiums in mehr als einem Fach Expertenwissen zu erarbeiten. Hier kommt die Multidisziplinarität ins Spiel. An einer Konferenz wie der diesjährigen der Academia Engelberg wird ein Thema aus vollkommen unterschiedenen Perspektiven behandelt, die sich gewiss auch teilweise ausschliessen. Dabei wird nicht erwartet, dass jeder Teilnehmer den Referaten stets komplett folgen kann, und es besteht vor allem nicht der Anspruch, dass sich die vorgestellten Theorien und Befunde in ein kohärentes Ganzes fügen lassen. Vielmehr hat der Besuch der Konferenz den Effekt, dass man mit Herangehensweise an bestimmte Themen konfrontiert wird, die einem neu sind und von denen man unter Umständen etwas gewinnen kann. Im Idealfall lässt sich ein Wissenschaftler durch eine solche Konferenz – wenn nötig – zum Gang in die Transdisziplinarität bewegen. Ich selber zumindest habe in Engelberg mehr Lust darauf bekommen, mich mit einigen der vorgestellten Ansätzen auseinanderzusetzen. Und sei dies nur, um meine Kritik an oberflächlichen interdisziplinären Ansätzen insofern fundierter zu machen, als dass ich einst besser verstehe, warum die Akteure in interdisziplinären Dialogen so oft aneinander vorbei sprechen und was dabei genau auf dem Spiel steht. Deshalb war der Besuch des 8th Dialogue on Science für mich ein sehr bereicherndes Erlebnis. Spontan fällt mir als Kritikpunkt eigentlich auch nur etwas Nebensächliches ein: An den in der Regel hervorragenden Essen stand nicht immer ein vegetarisches Menü zur Verfügung. Dafür war aber wie gesagt der „food for thought“ umso bekömmlicher. Zürich, 16. Oktober 2009 Am zweiten und dritten Tag entfernte sich der Fokus von den Naturwissenschaften hin zu einer vorwiegend psychologischen Betrachtung von Gewalt und schliesslich zu einer Diskussion von Massnahmen gegen Gewalt. Andreas Hamburger gab am Donnerstag einen Einblick aus einer psychoanalytischen Perspektive in die Beeinflussung von Kleinkindern durch erwachsene Bezugspersonen. In seiner Replik forderte Darian Heim als Mitglied der viel geschmähten jungen Kohorte einen Wandel von Angst hin zu Vertrauen als Präventivmassnahme gegen Gewalt. Einen leicht anderen Ansatz, der aber trotzdem auf einem psychoanalytischen Hintergrund aufbaute, lieferte Joachim Küchenhoff: Das psychoanalytische „Andere“ müsse vom Individuum in sich selbst und in anderen anerkannt werden, damit Gewalt vorgebeugt werden kann. In seinen Reflektionen beschrieb Micha Gundelfinger Erfahrungen mit Gewalt aus seinem nächsten Umfeld und wie man sich mittels Küchenhoffs Theorie einer Erklärung von solchen Gewaltakten annähern kann. Harald Welzer nahm eine breitere Sichtweise ein und ging der Frage nach, wie wir erklären können, dass vermeintlich durchschnittliche Personen wie etwa Deutsche im Dritten Reich zu grausamen Mördern werden können. Der Kenyaner Philip Osano stellte sich ähnliche Fragen hinsichtlich der Verbrechen, die in den letzten Jahrzehnten in Afrika verübt wurden. Manfred Cierpka beschrieb sein Präventionsprogram für Schulkinder FAUSTLOS. Einige der Methoden, die darin zur Anwendung kommen, wurden von Sarah Büchel in ihrer Replik jedoch kritisiert. Die Delegation von YES (Youth Encounter on Sustainability) fordert, dass die Degradierung von Konflikten zu Gewalt durch Prävention zu verhindern sei, und sie kritisierten die Tatsache, dass viele Massnahmen gegen Gewalt erst dann einsetzen, wenn diese Degradierung bereits stattgefunden hat. Schwester Lea Ackermann erzählte von ihren Erfahrungen als Gründerin von SOLWODI (Solidarity with Women in Distress) und die Palästinenserin Nuwar Husseini beschrieb die Rolle der Frau in Jordanien. Am Freitag sprach Angelo Gnädinger über die Geschichte des IKRK und erzählte von den Versuchen des IKRK, in Krisenregionen den direkten Kontakt mit den Konfliktparteien zu suchen. Der Kolumbianer Fabio Segura gab sich in seinen Reflektionen zuversichtlich, dass Frieden möglich sei, wenn die Wurzeln der Gewalt behandelt würden. Pierre Allan sprach über die Theorien zum gerechten Krieg und legte seine eigene Theorie des gerechten Friedens dar, die unter anderem darauf beruht, dass sich die Friedensparteien gegenseitig als menschliche Wesen anerkennen und gleichzeitig akzeptieren, dass es gewisse Grenzen beim anderen Menschen gibt, die nicht übertreten werden dürfen. Thomas Greminger rundete die Konferenz ab mit seinen Überlegungen zu der Beziehung von bewaffneter Gewalt und wirtschaftlicher Entwicklung und der Rolle der Gewaltprävention für das Wirtschaftswachstum. Die thematische Dreiteilung der Konferenz – die naturwissenschaftlichen Grundlagen von Gewalt am ersten Tag, die psychologischen Analysen von Gewalt am zweiten und konkrete Massnahmen gegen Gewalt am zweiten und dritten Tag – erlaubte es mir, zuvor gewonnene Erkenntnisse jeweils auf die neue Diskussionsstufe anzuwenden. Nicht zuletzt wegen dieser Aufteilung aber natürlich vorwiegend aufgrund der ausgezeichneten Referate und Reflexionen konnte ich die Konferenz mit grossem Gewinn geniessen. Engelberg, 14. Oktober 2009 Tag 1 der diesjährigen Konferenz stand ganz im Zeichen der naturwissenschaftlichen Hintergründe von Gewalt. Kurt R. Spillmann führte mit einem historischen Querschnitt in die Thematik ein. Eine seiner Thesen lautete, dass wir bei Überlegungen zum Phänomen Gewalt nie unser evolutionäres Erbe vergessen sollten. Dieses erfüllt uns mit einer latenten Fähigkeit zur Gewalttätigkeit, die unter falschen Umständen auch heute noch losbrechen kann. Ferner betonte er aber auch, dass die wichtigsten Entwicklungen eines Menschen in der frühen Kindheit stattfinden. Aufgrund der Plastizität des jungen Gehirns haben frühe Bezugspersonen einen grossen Einfluss auf die spätere Entwicklung eines Menschen. Josef Reichholf ging anschliessend der Frage nach, weshalb die zwei uns am nächsten verwandten Primaten solch grosse Unterschiede im Aggressionsverhalten aufweisen: Während Schimpansen zu extremer Gewalt fähig sind, sind die Bonobos überwiegend friedlich. In seiner Erklärung dieser Unterschiede wies er auf die unterschiedlichen Umweltumstände hin, in denen die zwei Arten leben. Schimpansen leben in der Savanne, während Bonobos im tropischen Urwald zu finden sind. In der Savanne finden die Schimpansen Beutetiere mit hohem Proteingehalt. Diese Tiere sind aber nur unregelmässig verteilt, während die Nahrungsquellen der Bonobos im Urwald gleichmässiger vorkommen. Diese Tatsache führt dazu, dass sich für Schimpansen aggressive Raubzüge lohnen, während das bei den Bonobos nicht der Fall ist. Die evolutionären Vorläufer der Menschen, so wird angenommen, wurden von den proteinreichen Beutetieren in der Savanne aus den Urwäldern gelockt und haben in der Folge ähnliche agressive Tendenzen entwickeln, wie wir sie bei den Schimpansen finden. Der Este Madis Org wies in seiner Reflexion zu Reichholfs Vortrag auf die friedliche Protestbewegung der Esten gegen die Sowjet-Besetzungsmacht hin und zeigte sich zuversichtlich, dass die Menschen in der Lage sind, auch in anderen Situationen solche friedlichen Ansätze zu verfolgen. Gerhard Roth ging in seinem Referat noch weiter ins Detail und fasste die neurobiologischen Grundlagen von Gewalt zusammen. So wies er beispielsweise darauf hin, dass die Amygdala, die unter anderem für die Gesichtserkennung und Empathie zuständig ist, bei manchem Menschen beschränkt ausgebildet ist. Diese Menschen haben Probleme, zwischen ängstlichen und aggressiven Gesichtsausdrücken zu unterscheiden. Dies hat zur Folge, dass die manchmal auf ängstliche Menschen mit impulsiv-reaktiver Gewalt reagieren. Ferner ist die Amygdala bei der Entstehung von Angst involviert. Interessanterweise wurde nun in fMRI-Studien festgestellt, dass bei Psychopaten die Amygdala keine Aktivität aufweist, wenn die Psychopaten mit einer bedrohlichen Situation konfrontiert werden. In seiner Replik brach Stefan Beljean eine Lanze für die soziologische Analyse von Gewalt. So forderte er beispielsweise, dass wir Gewalt nicht als Eigenschaft von Individuen sondern von Gruppen oder gar von Gesellschaften ansehen sollten. Somit muss bei der Entstehung von Gewalt auch der Kontext untersucht werden, in dem die Gewalt auftritt. Auf diesen Kontext wies auch Peter Meyer hin in seinem Vortrag über den evolutionären Hintergrund der Gewalt. Zugleich startete aber auch er seine Analyse mit Überlegungen aus der Sicht der Evolutionsbiologie. So meinte er, dass Gewalt instrumental sein könne für die sexuelle Reproduktion, und aggressiven Individuen unter anderem deshalb ein evolutionärer Vorteil zukomme gegenüber friedlicheren Individuen. In einer rasanten Fahrt durch die Menschheitsgeschichte fasste er anschliessend die Rolle zusammen, die die Gewalt in prähistorischen Gesellschaften, in frühen Staaten und in der Gegenwart spielte und spielt. Die Kritik in meiner Replik war zwar an Peter Meyer gerichtet, betraf aber auch einige Thesen von den früheren Referenten. Auch ich habe versucht, die Legitimität traditioneller sozialwissenschaftlicher Herangehensweisen an das Thema Gewalt zu verteidigen. Ich habe unter anderem darauf hingewiesen, dass die Naturwissenschaften Mühe hätten, die grosse Variation von Gewaltphänomenen befriedigend zu erklären. Ausserdem habe ich Zweifel daran angebracht, ob die Naturwissenschaften, die hautsächlich mit kausalen Begriffen operieren, den intentionalen und normativen Charakter von menschlicher Gewalt erfassen können. Meine Thesen waren im Kontext der heutigen Vorträge wohl einigermassen radikal. Kritische Reaktionen liessen dementsprechend auch nicht lange auf sich warten. Die Dichotomie zwischen Natur- und Sozialwissenschaften sei von keinerlei Nutzen, meinte etwa Gerhard Roth. Das überwiegend kritische Feedback war aus wissenschaftssoziologischer Perspektive sehr interessant. Naturwissenschaftler scheinen heutzutage, wo Natur- und Sozialwissenschaftler oftmals zusammenspannen und die „science wars" längst vorüber zu sein scheinen, philosophischer Kritik an einer solchen engen Zusammenarbeit gegenüber grundsätzlich abgeneigt zu sein. Deshalb wage ich die Vermutung zu äussern, dass die Sozialwissenschaften einst entweder komplett in den Naturwissenschaften aufgehen oder aber aufgrund der Grenzen, auf die die Naturwissenschaftlern mit ihren Methoden stossen, die philosophische Verteidigung von „traditionellen" sozialwissenschaftlichen Analysen vielleicht doch wieder ernst genommen wird. Interessant sind in diesem Zusammenhang Pius Segmüllers Thesen zum Thema Sport und Gewalt, die er an der öffentlichen Abendveranstaltung dargelegt hat. Eine These lautete beispielsweise: „Sicherheit braucht Menschen". Insgesamt operierte Segmüller fast ausschliesslich mit den Begriffen der „soften" Sozialwissenschaften. Ob er damit ein Defizit in seiner naturwissenschaftlichen Bildung offenbarte, oder ob eine solche sozialwissenschaftliche Analyse von Gewalt nicht doch von grossem Nutzen sein könnte, wurde am heutigen Tag nicht entschieden. Ich hätte deshalb nichts dagegen, wenn die „science wars" nochmals neu und vor dem Hintergrund der aktuellen natur- und sozialwissenschaftlichen Forschung ausgetragen würden. Die Videos vom heutigen Tag lassen sich auf www.academia-engelberg.org abrufen.Zürich, 30. September 2009 Ein Punkt, den ich bei meiner Replik auf Peter Meyer an der Academia Engelberg betonen werde, ist die Tatsache, dass Gewalt einen sehr unterschiedlichen Stellenwert einnimmt in verschiedenen menschlichen Kulturen und Zeitperioden. Peter Meyer weist zwar auch auf diesen Sacherhalt hin, zieht daraus meines Erachtens aber nicht den Schluss hinsichtlich der Rolle der Biologie in der Gewaltforschung, den ich ziehe. Heute nun berichtet die NZZ auf S. 57 mit dem reisserischen Titel „Familiendrama in der Steinzeit“ über aktuelle Forschungsergebnisse zu einem 4’600 Jahre alten Massengrab im sächsischen Eulau, welches von Forschern der Universität Mainz untersucht wurde. Die Forscher schliessen aus den Eigenschaften der sterblichen Überreste dieser Jungsteinzeitmenschen, dass sie wahrscheinlich Opfer eines kriegerischen Angriffs durch einen fremden Stamm sind. Des Weiteren wird im Artikel folgendes erwähnt: “Due to the lack of reliable data, we therefore cannot assess if the period of the Late Neolithic was more violent than other times, although our own review of the literature suggests that this might have indeed been the case. What points in this direction is the very high number of known Corded Ware trepanations.” „Ein weiteres Beispiel dafür,“ werden nun wohl viele denken, “dass das ‚Seville Statement on Violence’ nichts mehr als Wunschdenken ist.“ Vielleicht. Vielleicht ist Gewalt mehr als nur ein kulturelles Phänomen, vielleicht hat sie biologische Grundlagen. Biologische Grundlagen für die unterschiedlichen Stellenwerte, die Gewalt bei verschiedenen Personengruppen einnimmt, lassen sich aber wohl kaum finden. Unter anderem deshalb – und aufgrund von einigen anderen Gründen, die ich in meiner Replik zusammenfassen werde – habe ich meine Zweifel daran, wie viel die Biologie beziehungsweise die Biosoziologie zur Gewaltforschung beitragen kann. Zürich, 27. September 2009 Zunächst ein paar Informationen zu meiner Person. Ich heisse Matthias Jenny, wurde 1987 geboren und bin Bachelorstudent an der Universität Zürich. Im Hauptfach studiere ich Philosophie und in den Nebenfächern Volkswirtschaftslehre und Soziologie. Ausserdem bin ich Mitglied der Schweizerischen Studienstiftung. Dank der Schweizerischen Studienstiftung habe ich die Möglichkeit, am 8th Dialogue on Science der Academia Engelberg eine Replik vorzutragen zu einer Präsentation von Peter Meyer. Die Academia Engelberg beschäftigt sich dieses Jahr mit dem Thema „Violence in Human Society“ und Peter Meyers Beitrag trägt den Titel „Evolutionary Background of Violence in Human Society“. Nun mag es überraschen, dass jemand mit meiner Fächerkombination ein Referat zu einem solchen Thema kommentieren wird. Schliesslich würde man eher erwarten, dass sich ein Biologiestudent dessen annehmen würde. Die Überraschung sollte sich ein bisschen legen mit dem Hinweis, dass Peter Meyer Emeritus am Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Augsburg ist und zusätzlich zu seinem Soziologiestudium unter anderem auch Philosophie und Wirtschaftsgeschichte studiert hat. Tatsächlich ist Peter Meyer aber der Fachrichtung der Soziobiologie zuzurechnen und ist Autor von Büchern mit Titeln wie Evolution und Gewalt und Soziobiologie und Soziologie. Mein Interesse für die Soziobiologie sowie für die mit ihr verwandten Disziplin der evolutionären Psychologie folgt aus meiner Auseinandersetzug mit Fragen der Philosophie der Sozialwissenschaften. Ich empfinde zwar grossen Respekt für die Methoden und grosse Bewunderung für die Ergebnisse der Naturwissenschaften inklusive der Biologie. Aber aufgrund meiner Beschäftigung mit der Philosophie der Sozialwissenschaften und den Sozialwissenschaften selber habe ich eine gewisse Skepsis entwickelt für die jüngsten Versuche, sozialwissenschaftliche Fragestellungen an solch naturwissenschaftliche Disziplinen wie die Evolutionsbiologie und die Neurowissenschaften abzugeben. Dementsprechend glaube ich sowohl aus philosophischen wie aus empirischen Gründen auch nicht, dass eine Klärung des evolutionären Hintergrundes menschlicher Gewalt viel Hilfreiches zu unserer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Gewalt beiträgt. Abgesehen von diesem eher engen (und grösstenteils negativen) Interesse an Peter Meyers Präsentation interessiert mich das Thema der diesjährigen Konferenz der Academia Engelberg aber auch im Allgemeinen. Meine Studienfachkombination habe ich unter anderem aufgrund meines Interesses an grundsätzlichen politischen Fragestellungen gewählt. Spätestens seit Thomas Hobbes (1588-1679) ist eine Frage, die die politische Philosophie beschäftigt jene, unter welchen Umständen Menschen zu Kooperation fähig sind und wann sie zu Gewalt neigen. Ist der natürliche Zustand des Menschen tatsächlich „solitary, poor, nasty, brutish and short“, wie Hobbes meint, oder sind Menschen grundsätzlich friedfertig und kooperativ, wie nach Hobbes etwa John Locke (1632-1704) meinte? Die Antwort auf diese Frage hat grossen Einfluss auf die Frage, wie wir verschiedene politische Systeme beurteilen sollen. Deshalb bin ich gespannt, was ich hinsichtlich dieser Frage von den Beiträgen an der Academia Engelberg lernen kann. Informationen Wenn Sie mehr über Matthias Jenny erfahren wollen, folgen Sie diesem Link: http://www.matthiasjenny.name/ |